Der Sound des Grauburgunders

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    Die Deutschen sind im Podcast-Fieber: Mit fast zwölf Millionen Nutzern ist das serielle Audio-Medium endgültig im Mainstream angekommen. Die inhaltliche Vielfalt reicht von Comedy bis Corona-Updates. Sehr beliebt ist das klassische Talkformat, manchmal hilft dabei etwas Rebensaft. 

    Einmal im Monat sprechen Maria Piwowarski und Ludwig Lohmann über die Bücher, die sie gerade gelesen haben. Das ist für zwei Buchhändler nichts Ungewöhnliches, aber seit eineinhalb Jahren nutzen sie dafür ihr Podcast-Format namens „Letzte Lektüren“, das direkt in ihrer Buchhandlung entsteht. Jeder stellt abwechselnd einen Roman vor, dann diskutieren die beiden darüber, zwischendurch trägt ein Part des Podcast-Duos ein Gedicht vor – und immer wieder hilft ein Schluck Grauburgunder, um die Zunge etwas zu lockern. Alles in allem entsteht so eine lockerere Talkshow-Atmosphäre – wie es bei vielen der neueren Podcasts der Fall ist, die sich über Spotify, Radiowebsites oder die Podcast-App von Apple oder Google abonnieren und anhören lassen. 

    „Das schöne, neue, besondere am Podcast-Format ist, dass man Menschen, die viel Ahnung von einem bestimmten Gebiet haben, zuhören kann, wie sie darüber sprechen. Das allerdings nicht dozierend wie bei einem Vortrag, sondern in einer semi-privaten Atmosphäre“, sagt Maria Piwowarski, die die Buchhandlung ocelot in Berlin-Mitte führt. „Gute Podcasts erzeugen das Gefühl, man sitzt mit den Sprechenden am Küchentisch oder in der Kneipe. Es gibt kein Skript, es wird sich manchmal ins Wort gefallen, manchmal entstehen natürliche Pausen, wenn nach Wörtern gesucht wird. Diese Nahbarkeit und Intimität gekoppelt mit Fachwissen ergibt den besonderen Reiz eines Podcasts. Zumindest für uns.“

    Zu dem „uns“ gehört ihr Kollege Ludwig Lohmann, mit dem sie sich zu blauschwarzberlin zusammengetan hat, um „Literatur ins Gespräch“ zu bringen. Die beiden sind auch ein gutes Beispiel dafür, wie leicht sich ein Podcast starten lässt: „Am Anfang haben wir die Tonspur ganz dilettantisch mit einer Diktiergerät-App mit dem Handy aufgenommen“, erinnert sich der Literaturwissenschaftler. „Später haben wir uns dann ein professionelles Diktiergerät geleistet. Die Postproduktion machen wir selbst, aber auch das mit eher einfacher Technik. Der Charme unseres Podcasts ergibt sich auch aus den Hintergrundgeräuschen, der vorbeifahrenden Straßenbahn, den Passanten, die an die Scheibe klopfen und dem Klirren unserer Weißweingläser. All das hört man auf der Tonspur und wird nicht herausgefiltert. Wir senden sozusagen direkt aus der Stadt, nicht aus einem geräuschneutralen Studio.“

    Podcast-Nutzerzahlen steigen um 25 Prozent

    Weltweit gibt es schätzungsweise eine Million Podcasts. Längst hat sich dieses Hör-Medium zu einem echten Wirtschaftsfaktor gemausert, denn laut WARC Global Advertising Trends setzten Podcaster im Jahr 2019 stolze 885 Millionen Dollar mit Werbeerlösen um. Für 2022 belaufen sich die Prognosen schon auf 1,6 Milliarden Dollar. Gute Aussichten also für Podcaster, sich eine berufliche Existenz oder zumindest ein Zubrot mit launigen Gesprächen, einem Comedy-Format oder eben einer selbstproduzierten Kultursendung zu verschaffen. 

    An interessiertem Publikum mangelt es jedenfalls nicht. Der Online-Audiomonitor hat für das Jahr 2019 insgesamt 11,8 Millionen Nutzer in Deutschland gezählt. Das ist eine Steigerung um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und immerhin 3,4 Millionen Podcast-Fans hören ihre Lieblingssendungen regelmäßig im Abo, eine Million mehr als im Jahr 2018. 

    Ein Blick auf die Plattform podwatch.io zeigt, wie ausgewogen sich die Interessenslage der Hörer verhält. Auf Platz 1 (Stand: 1.9.2020) liegt mit „Alliteration am Arsch“ ein Comedyformat, Platz 2 belegt der Podcast „Geburt und Schwangerschaft“, gefolgt von „Wohlfühlgewicht – intuitive Ernährung, Achtsamkeit, Selbstliebe, Meditation & Motivation“. Den vierten Platz hält Star-Virologe Christian Drosten mit seinem „Coronavirus-Update“ und der fünfterfolgreichste Podcast in Deutschland ist momentan „Unter Pfarrerstöchtern“, ein Podcast von der Wochenzeitung „Die Zeit“ über Glaubensfragen.

    Aber auch Unternehmen haben das Podcasten für sich entdeckt. Von der Unternehmensberatung über die Hausbank bis zur Berliner S-Bahn setzen Firmen hierzulande auf „Corporate Podcasts“, um potenzielle Kunden mit Infos zu füttern: Podcasting biete das Potential, Kunden und anderen Stakeholdern Informationen unterschiedlichster Art zu vermitteln, Vertrauen aufzubauen und nicht zuletzt das Unternehmen erlebbar zu machen, meint Dominic Multerer, Geschäftsführer von marconomy, „und das heißt nicht bloß seine Produkte und Dienstleistungen, sondern auch seine Haltung und Einstellungen“.

    Tipps für Einsteiger

    Der Podcast-Boom lässt sich nicht genau erklären, aber in jedem Fall ist das Konsumieren schließlich sehr leicht, denn jedes Smartphone kann Podcasts abspielen und einem die Fahrt zur Arbeit verkürzen oder abends auf dem Sofa unterhalten. Und die Ladezeiten sind im Vergleich zu Videodateien deutlich kürzer. Auch die Themenvielfalt ist praktisch unendlich, also findet jeder etwas, das ihn interessiert. Für alle, die über einen eigenen Podcast nachdenken, haben die „Letzte Lektüren“-Macher einen Rat: „Sprecht nicht schon vorher über die konkreten Inhalte. Sonst wirkt das Gespräch gestellt. Bleibt dran. Viele Podcasts enden nach der dritten Folge. Haltet eine gute Balance zwischen eher fachlichen Informationen und Einblicken in euer Leben. Bei Podcasts ist es immer auch wichtig, wer spricht und ob sie/er als Mensch greifbar wird.“

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