Mach mal locker – Vom Umgang mit der überdrehten Sinnschraube im Job

    Arbeitswelt erstellt von Kristin Louis, Geschäftsführerin DESIGNERDOCK Berlin

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    Wie sinnvoll ist die Suche nach einer sinnvollen Arbeit? Wann macht ein Job Sinn? Und wann sind die Erwartungen zu hoch? Mit diesen Fragen hat sich Kristin Louis vom Designerdock-Standort Berlin beschäftigt.

    „Redakteur bei uns zu sein, ist für Sie kein Job – sondern Sie brennen dafür, einen führenden Titel jeden Tag einen Schritt weiter zu entwickeln“, heißt es in einer Stellenausschreibung. In einer anderen: „Bei uns bist du nicht ein kleines Rädchen in einer großen anonymen Maschinerie – bei uns stehst du mit am Steuerrad und leistest den entscheidenden Unterschied. Dein Erfolg wird unser aller Erfolg sein und umgekehrt.“

    Und „Jobs mit Purpose“ verspricht ein Portal.

    Job + Sinn = Glück. Oder Unglück?

    Arbeit, das merkt man hier, steht nicht mehr in Opposition zum Glück. Sie ist auch kein möglicher Weg zum Glück. Vielmehr erscheint es eine Verpflichtung zu sein, das Glück im Beruf zu finden. Von immer mehr Beschäftigten wird heute erwartet, „in ihrem Job glücklich zu sein, egal wie schlecht und unzuträglich die Umstände sein mögen“, schreibt Carl Cederström in seinem Buch "Die Phantasie vom Glück". Und immer mehr Menschen erwarten das von sich und der Arbeitswelt selbst. 

    Dass der Job glücklich macht, wenn er einen Sinn hat, lautet eine vielbeschworene einfache Gleichung, die viele verinnerlicht haben. Doch die nicht enden wollende Suche nach sinnvoller, sinnstiftender Arbeit wird für immer mehr Menschen zu einem enormen Druck – von den Berufseinsteiger*innen bis zu den Professionals. Das beobachten wir in vielen unserer Beratungstermine. Auch in einer Reihe von Umfragen zeigt sich die Enttäuschung vieler Arbeitnehmer*innen darüber, dass sie im Job nicht das finden, was ihnen die Arbeitswelt versprochen hat, deutlich. Besonders heikel wird es, wenn diese Enttäuschung als eigenes Versagen gedeutet wird. Es ist kein Zufall, dass man seit einigen Jahren immer häufiger vom Millennial-Burnout hört.

    Dass die Arbeit inzwischen so stark mit Begriffen wie Glück und Sinn aufgeladen ist, hat auch mit einem Wirtschaftssystem zu tun, das nach immer neuen Wegen sucht, um für weniger Geld mehr aus den Menschen herausholen zu können – mehr Hingabe, mehr Engagement, mehr Leistung. Da sind sich Carl Cederström und der Autor des Buches "Feierabend! Warum man für seinen Job nicht brennen muss" Volker Kitz einig.

    Wann macht Arbeit Sinn?

    Dabei ist die Frage nach dem Sinn gar nicht so leicht zu beantworten. Wie Volker Kitz in seinem Zeit-Beitrag Passt! zeigt, ist sie zum einen sehr individuell und zum anderen sehr voraussetzungsreich. „Man muss zunächst entschlüsseln, wonach man sich wirklich sehnt. Dann ein Berufsbild finden, das diesem Verlangen entspricht. Den entsprechenden Job bekommen und behalten. Immer reagieren, wenn sich der Rahmen ändert“, schreibt er. 

    Außerdem macht kein Job immer glücklich, nicht jede Tätigkeit ist erfüllend. Sinn macht eine Arbeit, so glaubt er, wenn sie jemand anderem nutzt. Darauf deutet auch ein Experiment hin, das der amerikanische Psychologe Adam Grant mit Mitarbeiter*innen eines Callcenters einer Universität durchgeführt hat. Die Aufgabe der Mitarbeiter*innen war es, Spenden von Alumni für ein Stipendium einzutreiben. Die erste Gruppe arbeitete wie gewohnt. Die zweite Gruppe erhielt erfundene Briefe von ehemaligen Kolleg*innen, diese schrieben, der Job sei für ihre Karriere förderlich gewesen. Die dritte Gruppe bekam Briefe von Menschen, die sich bei den Fundraisern bedankten. Sie hätten durch das Stipendium studieren können und nun einen Job und eine Familie. Nach einem Monat hatte die dritte Gruppe fast drei Mal so viele Spenden gesammelt wie die anderen beiden Gruppen.?

    Wenn sinnvolle Arbeit eine Arbeit ist, die für andere einen Nutzen hat, dann kann man Sinn in sehr vielen Tätigkeiten finden. Das heißt aber auch, dass eine sinnvolle Arbeit nicht zwingend ein Garant für Zufriedenheit im Job ist. Denn auch sehr sinnvolle Arbeit kann individuell als nervig, total langweilig und nicht erfüllend empfunden werden. 

    Ein nüchternerer Blick – Vom Umgang mit hohen Erwartungen

    Man kann es nicht leugnen, der Job prägt uns, unseren Alltag und unser Leben stark. Und natürlich sollte niemand etwas tun müssen, das ihm nicht liegt oder gar unglücklich macht. Gleichzeitig würden nüchternere Glücks- und Sinnerwartungen vielen von uns wahrscheinlich gut tun. Doch anzuerkennen, dass der Beruf nicht alles ist, ist nicht ganz leicht. Auch weil uns die verschwimmenden Grenzen von Arbeit und Freizeit das Gegenteil suggerieren.

    Mit der Corona-Pandemie, gerade in den ersten Lockdown-Monaten, hat sich für viele Menschen die Frage nach dem Sinn im Leben und in der Arbeit noch einmal ganz neu gestellt. Systemrelevant waren plötzlich Kassierer*innen, Pflegekräfte, Erntehelfer*innen, LKW-Fahrer*innen. Berufsbilder, die super sinnvoll sind, aber eher wenig (monetäre) Anerkennung genießen.

    Die Sinnschraube etwas zu lockern, überhöhte Erwartungen loszulassen, ermöglicht, die Glücks- und Sinnversprechen in den Stellenanzeigen realistischer einzuschätzen. Das sind gute Voraussetzungen, einen guten Job zu finden. Einen Job, in dem man sich ausprobieren kann, der den eigenen Fähigkeiten entspricht, der angemessen bezahlt wird, der Teil des eigenen Lebens ist.

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