Trial and Error – So wirkt sich die Corona-Krise auf die Kreativbranche aus

    Arbeitswelt erstellt von Social Media Team DESIGNERDOCK und Torsten Haase, Lead Recruitment Consultant UX/UI Design

    © pic by DESIGNERDOCK / Torsten Haase

    Acht Wochen mit dem Corona-Virus liegen hinter uns. Die aktuelle Krise macht die Kreativbranche flexibler und effizienter und stellt viele Kreative vor die Sinnfrage. Das beobachtet Torsten Haase, unser Lead Recruitment Consultant UX/UI Design im Designerdock-Team Berlin. Wie die letzten Wochen die digitale Transformation vorangetrieben haben und welche Impulse von der Krise für die Digitalwirtschaft ausgehen, erzählt er im Interview.

    Die Corona-Maßnahmen haben auch die Kreativbranche getroffen. Wie sind die Kreativen, die Agenturen und die Unternehmen mit der Situation der letzten Wochen umgegangen?

    Insgesamt ist die Kreativbranche ziemlich souverän mit der neuen Situation umgegangen. Eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom aus den ersten Tagen zeigt, dass die Unternehmen sehr schnell reagiert haben. 49 % der Befragten arbeiteten mit Beginn der Corona-Maßnahmen im Homeoffice. Bei den Agenturen waren es laut einer Umfrage von Das AgenturCamp sogar 93 %. Auch wenn die Umstände natürlich nicht erfreulich sind, so ist es doch auch für viele Menschen eine spannende Erfahrung, Homeoffice machen und ausprobieren zu können. Das war bisher nur in wenigen Agenturen und Unternehmen möglich. Für manche ist die aktuelle Work-Life-Integration total ok, für andere eine Belastung. Ihnen fehlt der feste Arbeitsplatz und der persönliche Kontakt zum Team. Ob fest oder frei, sehr gestresst sind die Eltern, vor allem viele Mütter. Für sie ist es schwierig Kind, Kegel und Job unter einen Hut zu bringen. 

    Was die Corona-Krise für die Unternehmen und Agenturen bedeutet, ist sehr unterschiedlich. Manche sind erst einmal in eine Schockstarre gefallen und mussten realisieren, was gerade passiert. Einigen, z. B. Event-, aber auch klassischen Werbeagenturen, sind mit den Maßnahmen die Projekte weggebrochen. Viele Agenturen haben inzwischen auf Kurzarbeit umgestellt, teilweise gibt es auch erste Entlassungen. Dagegen sind Digitalagenturen oder IT-Start-ups weiterhin gut ausgelastet. Auch die Bereiche E-Learning, E-Commerce, Delivery, Streamingdienste natürlich und alle, die digitale Produkte anbieten und entwickeln, profitieren.

    Was bedeutet Corona für die Arbeitsweise?

    Die ist in wenigen Wochen viel flexibler geworden. Meetings mit dem Team und mit den Kunden finden nun also digital statt. In kürzester Zeit stieg die Zahl der Nutzer bei Zoom von 10 pro Tag auf 200 Millionen an. Somit fallen auch plötzlich alle Reisezeiten weg. Viele Agenturen probieren neue agile Methoden aus. Sie beginnen in Sprints zu denken und zu arbeiten oder experimentieren mit digitalen Tools. Ich beobachte, dass Entscheidungen schneller getroffen werden. Auch ein gewisser Perfektionsanspruch fällt weg. Auf Agenturseite, aber auch auf Kundenseite gibt es eine Offenheit, neue Wege auszuprobieren, zu testen und im Prozess weiterzuentwickeln. Es gibt gerade viel Verständnis, wenn mal etwas nicht sofort klappt. Und es gibt auch viel Zusammenhalt, eine Wir-schaffen-das-gemeinsam-durch-die-Krise-Mentalität.

    Das klingt, als würde die Kreativbranche derzeit große Sprünge in Richtung Digitalisierung machen.

    Absolut, und das auf unterschiedlichen Ebenen. Einerseits müssen die Agenturen viel mehr in Richtung online denken, neue Dienstleistungen und Formate entwickeln. Das Kreativfestival ADC findet im Mai zum Beispiel nun virtuell auf Facebook statt. Auch die Umfrage von AgenturCamp zeigt, dass für viele Agenturen die Marktentwicklung und die damit verbundenen Auswirkungen auf ihre Positionierung und ihr Geschäftsmodell derzeit zu den drängenden Fragen gehört. Gleichzeitig machen Viele große Schritte auf dem Weg der digitalen Transformation. Und das ist vor allem ein Kulturwandel. Wer schon vor Covid-19 mit digitalen Tools und Methoden gearbeitet hat, Remotearbeit kannte, ist natürlich im Vorteil. Alle anderen lernen gerade sehr viel dazu.

    Wie wird sich die aktuelle Situation in den kommenden Monaten auf die Kreativbranche auswirken? Was erwarten die Kreativen und was die Unternehmen?

    Viele Agenturen sind längst damit beschäftigt, Kampagnen zu modifizieren und Strategien neu auszurichten. Neue digitale Formate, neue Formen des Storytellings und von Brand Experiences werden entstehen.

    Zugleich werden die Sicherheitskonzepte, die in den vergangenen Wochen entwickelt wurden, allmählich umgesetzt. Damit wird es wieder möglich, Inhouse mit dem nötigen Abstand zu arbeiten, auch Meetings können dann wieder persönlich stattfinden.

    Homeoffice wird sich dennoch verstetigen und ich schätze, dass viele Agenturen und Unternehmen gerade merken, dass Remote ein cleveres Modell sein könnte, langfristig mit weniger Fläche auszukommen. Bei den steigenden Gewerbemieten wird Homeoffice und Desksharing auch nach Corona ein Thema bleiben. 

    Auch der Wunsch, in Teilzeit zu arbeiten, wird durch Corona gestärkt. Unterschiedliche Modelle werden gerade erprobt. Es ist gut möglich, dass sich in Zukunft häufiger zwei Talente eine Position teilen oder auch Führungskräfte in Teilzeit arbeiten.

    Verändert Corona die Jobprofile und den Jobmarkt? 

    Das wird sich in den nächsten Monaten weiter zeigen. E-Learning, E-Commerce und auch Beratungsleistungen in Richtung digitale Transformation werden sicher stärker gefragt sein. Neue digitale Bürgerservices werden in Zukunft noch wichtiger. Die Entwicklung einer Corona-App ist nur ein Beispiel. An ihr kann man auch sehen, wie unter Hochdruck an einem Produkt gearbeitet wird, für das man gewöhnlich ein bis zwei Jahre Entwicklungszeit kalkulieren würde. Das geht nur mit einer anderen Arbeitsweise und dem Lean-Ansatz.

    Daneben kann man allgemein eine Sinnkrise beobachten, die auch Folgen für die Kreativbranche hat. Die Fragen, was braucht man wirklich und wofür arbeite ich, stellen sich gerade sehr viele Menschen. Ich höre vermehrt von Kreativen, dass sie in Zukunft Produkte entwickeln und bewerben wollen, die sinnvoll sind und der Gesellschaft etwas bringen. Hier wird die Aufmerksamkeit wohl weiter wachsen. Public Services und Health könnten neben Nachhaltigkeit und Ökologie weitere wichtige Themen werden. Wahrscheinlich werden auch viele Marken stärker mit der Frage konfrontiert, welchen Sinn und Nutzen ihre Produkte haben. 

    Wer aktuell die Zeit nutzen will, kann sich mit den Themen der Zukunft befassen. Kreativ arbeiten wird mehr denn je bedeuten, unterschiedliche Aspekte zu berücksichtigen. Die kreative Arbeit wird ganzheitlicher, auch weil die Produkte einem kritischeren Blick standhalten müssen.

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