Arbeiten unter Palmen mit Rückenschmerzen – Ein Blick in die reale Welt eines Digitalen Nomaden (Teil 2 von 2)

    Arbeitswelt erstellt von Katsche P. Platz, Texter/Konzepter und Digitaler Nomade

    © pic by Katsche P. Platz

    Nachdem ich im ersten Teil über Homeoffice, Selbstständigkeit und Dauerreisen berichtet habe, geht es weiter mit Fragen rund um Sprache, Kunden und Lebensweisheiten im Alltag eines kreativen digitalen Nomaden. 

    Digitaler Nomade – dieser Begriff alleine! Schnell ploppen Bilder der Sehnsucht auf. Zwar wird im anspruchsvollen Vox-Journalismus auch gelegentlich die Kehrseite dieser Lebens- und Arbeitsform beleuchtet, aber zwischen dieser Welt und der, die von Instagram süchtigen Glücksjägern erfunden wird, befindet sich ein kleiner Ort, der sich Realität nennt.  Zu diesem Ort führt auch der zweite Teil meines Kurzberichts in Dialogform. Ein Sprintinterview mit mir selbst, eine Collage aus vergangenen Gesprächen, das in dieser Form aber nie stattgefunden hat. 

    Arbeitest Du immer für Unternehmen vor Ort oder wie geht das?

    Für Unternehmen vor Ort zu arbeiten hat sich für mich als wenig sinnvoll herausgestellt. Es dürfte kaum wundern, aber die Löhne in Niedriglohnländern sind sehr niedrig. Der Expat-Zuschlag, den jemand bekommt, wenn er von einem westlichen Unternehmen ins Ausland entsandt wird, ist für Selbstständige sehr selten. Hinzu kommen arbeits- und aufenthaltsrechtliche Probleme. Der dritte Grund, weshalb ich fast ausschließlich für europäische Kunden aus der DACH-Region arbeite, ist sprachlicher Natur: Auch wenn ich auf einer internationalen Schule und oft im Ausland war und mein ganzes Berufsleben viel auf Englisch gearbeitet habe, werde ich nie einen kreativen Muttersprachler ersetzen können. Gerade an Orten wie Amsterdam oder Kopenhagen konkurriere ich mit der reisewilligen Crème de la Crème aus den USA, UK und Australien. Anders ist es dagegen in einem Land, in dem Englisch Amtssprache ist: In den USA oder Malaysia schauen Auftraggeber mehr auf deinen kreativen Output, als auf Dein Englisch. Denn Muttersprachler gibt es dort genug. 

    Bereust du es, nicht früher digitaler Nomade geworden zu sein?

    Überhaupt nicht. Für Kreative in der Kommunikation halte ich es für extrem wichtig, von guten Mentoren zu lernen. Um einen passenden Mentor zu finden, ist ein Berater wie DESIGNERDOCK eigentlich unbezahlbar. Ohne die lange Zusammenarbeit mit meinen Vorgesetzten und Kollegen würde es mir heute an fachlichen und zwischenmenschlichen Fähigkeiten fehlen. Das Vertrauen in das eigene Können muss erst einmal über Jahre gefestigt werden. Denn in der Ferne trifft man auf viele Unsicherheiten und stellt viel infrage. Das eigene Können sollte es nicht sein. Work & Travel als Zwanzigjähriger nicht gemacht zu haben, ist das Einzige, was ich bereue. Und den einen oder anderen Schnaps aus Plastikkanistern. 

    Amen. Würdest Du denn ansonsten Deinen Lifestyle empfehlen?

    Den Lifestyle fast jedem, den Workstyle nicht unbedingt. Es ist eine Typfrage. Aus diversen Gründen muss ich häufig ohne das klassische Briefing arbeiten, wie man es aus Agenturen (hoffentlich) kennt, und bekomme auch kein Feedback auf meine Arbeit, wie man es von einem guten Vorgesetzten oder kreativen Teampartner bekommt. All das muss mir selbst erarbeiten oder darauf verzichten, weil ich sehr nah am Kunden und mitten im Feuerherd bin. Zudem fällt viel Arbeit rund um den eigentlichen Job als Konzepter/Texter an: Ich bin auch Berater, Stratege, New Business Manager, PR-Abteilung, IT-Selbsthelfer, Buchhalter und mein eigener Steuerberater. Was ich selbst nicht für mich sein kann: Ein guter Sparringspartner. Zum Glück habe ich meine Frau dabei, die den gleichen Job macht. Digitaler Nomade – das ist eine Art des Arbeitens, die nicht jeder Kreative gut findet. 

    Also alles Kacke oder was?

    Quatsch! Wo gehobelt wird, fallen diese Holzdinger. In der Mittagspause zwischen Korallen zu tauchen, statt im Graupelschauer zum Pastamann zu laufen – das ist doch ein Knaller. Zudem haben Homeoffice und Selbstständigkeit auch riesige Vorteile, wie eben nicht im unproduktiven Großraumbüro sitzen zu müssen, sondern den Tag so gestalten zu können, wie es für mich am besten passt. Ich habe den Eindruck, gedanklich flexibler zu sein. In meine Arbeit fließen mehr und ganz andere Eindrücke ein. Ich treffe unfassbar inspirierende Menschen und lerne wieder in einem enormen Tempo dazu – auch über mich selbst. Außerhalb der Komfortzone passiert eben die Magie und mehr Kalendersprüche will ich jetzt nicht mehr abfeuern.

    „Der Tellerrand ist der Horizont der Satten“, schreibt der Satiriker Lothar Peppel.

    Na dann: Mahlzeit.

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