Arbeiten unter Palmen mit Rückenschmerzen – Ein Blick in die reale Welt eines Digitalen Nomaden (Teil 1 von 2)

    Arbeitswelt erstellt von Katsche P. Platz, Texter/Konzepter und Digitaler Nomade

    © pic by Katsche P. Platz

    Seit Mai 2018 arbeite ich nicht mehr als fest angestellter Texter und Konzepter in Hamburg, sondern als digitaler Nomade an vielen verschiedenen Orten auf der Welt. Damit lebe ich das, was heutzutage für viele Menschen als Traum erscheint. Zwar wird im anspruchsvollen Vox-Journalismus auch gelegentlich die Kehrseite dieser Lebens- und Arbeitsform beleuchtet, aber zwischen dieser Welt und der, die von Instagram süchtigen Glücksjägern erfunden wird, befindet sich ein kleiner Ort, der sich Realität nennt. ??Zu diesem Ort führt mein Kurzbericht. Ein Sprintinterview mit mir selbst – eine Collage aus echten, vergangenen Gesprächen, das in dieser Form aber nie stattgefunden hat. 

    Also, Du hängst ja die ganze Zeit im Urlaub ab und arbeitest nebenher ein bisschen...

    ...na das fängt ja gut an...

    ... als Texter, Konzepter und Autor. Kann man sich überhaupt konzentrieren, wenn das Paradies vor der Haustür ist?

    Nun ja: Eine auf Monate, Jahre, oder sogar auf unbestimmte Zeit angelegte Reise ist eine ganz andere Sache als zwei Wochen Urlaub, auf die immer wieder zwei weitere Wochen Urlaub folgen. Den Sommerurlaub kann man wochenlang planen und anschließend kehrt man zurück in den sicheren Hafen. Bei uns gibt es kein Zurück, nur ein Voran. So muss ich ständig Entscheidungen treffen, die ich in keinem Urlaub und sehr selten in meinem alten Alltag treffen musste. Wo finde ich Obdach und Nahrung? Gebe ich Trinkgeld und wenn ja, wie viel? Oder: Wo kann ich Bargeld holen, ohne dass mir auch die letzte verbleibende Kreditkarte gesperrt wird. Nenne es die Qual der Wahl oder Luxusprobleme, aber die schiere Unendlichkeit von Möglichkeiten, alleine was den Aufenthaltsort angeht, bringen viele Kopfschmerzen mit sich. 

    Ok, ok. Aber Du reist ja nicht nur, sondern arbeitest auch dabei. Diese Coworking Spaces sind doch super nice, oder? Mehr als die und einen Laptop braucht man doch heute gar nicht. 

    Ich hasse Coworking Spaces. Nicht alle, aber die meisten. Dort kann ich mich kaum konzentrieren. Die vielen Nachteile von Großraumbüros sind ja bekannt. Warum also freiwillig mitten rein in diesen Quatsch? Zudem traue ich den offenen WLANs dort nicht. Es ist ein Unterschied, ob es um die eigenen Daten geht oder um streng geheime Informationen großer Konzerne. Ich arbeite deshalb meist von Zuhause aus. Das bedeutet, dass ich mich stets um eine anständige Behausung kümmere, die mehr Konzentration zulässt als ein Mehrbettzimmer im Hostel.

    Also sogar nur Laptop und Internet, das ist ja noch besser!

    Das und alles was ich für einen geregelten Arbeitstag im Homeoffice brauche. Zum einen meine Morgenroutine: Aufstehen bei Sonnenaufgang, Meditation, Sport, Müsli, duschen, zur Arbeit gehen. Ja, auch im Homeoffice des digitalen Nomaden gehe ich zur Arbeit. Die Trennung zwischen Beruf und Freizeit ist überlebenswichtig. Auch der Rest des Tages folgt einem Plan für Pausen, Unterbrechungen, kennt To-do-Listen, Termine für Telefonate, einen Feierabend und Wochenende. Ohne diesen strengen Ablauf würde ich sonst nämlich vom Aufwachen bis zum Einschlafen (sabbernd mit Handy in der Hand) nur arbeiten. Zum anderen habe ich immer eine externe Maus, Tastatur und etwas mit dem ich den Laptop aufbocken kann dabei. Die Nachteile des Homeoffice kann man also bezwingen. Wer aber einfach so drauf losarbeitet – insbesondere unter Palmen – der wird als Arbeitsergebnis allenfalls einen Bandscheibenvorfall produzieren. 

    Und Strand und Palmen vor der Tür ist keine Dauerablenkung?

    Im Gegenteil: Manchmal muss ich zusehen, dass ich all das um mich herum überhaupt genieße. Denn zusätzlich zum Arbeiten im Homeoffice arbeite ich auch selbstständig. Und jeder Selbstständige kennt das Gefühl, extra viel leisten zu wollen, damit auch auf lange Sicht Aufträge reinkommen. Als Nomade kommt dann noch das schlechte Gewissen hinzu, sich ja besonders viel rauszunehmen. So will ich oft mit besonders viel Engagement beweisen, dass das hier eben kein gut bezahlter Dauerurlaub ist. Eigentlich absurd, denn in München oder Hamburg fragt ja auch kein Auftraggeber, was der Freelancer mit seinem verdienten Geld macht. Ob er damit reist, Sneaker kauft oder es im Ofen verbrennt: Das ist Privatsache. Eigentlich. 

    Im nächsten Newsletter gibt‘s Teil 2: Über Auftraggeber, Sprache und die richtigen Voraussetzungen zum Einstieg in das digitale Nomadentum.

    Kommentare (2)

    1. Ulrike vor 3 Wochen
      Oh ja, das Aufstehen vor dem Sonnenaufgang, gerade jetzt im hiesigen chilenischen Winter mit 6 Std. Zeitunterschied zu Deutschland, stresst mich auch sehr. Ich mache Akquise in D und gründe gerade auch eine Firma hier in Chile.. Diese doppelte Belastung ist nicht paradiesisch, aber die Freiheit dort sein zu können, wo man sich ansonsten am Wohlsten fühlt, hat eben auch ihren Preis... Saludos, Uli
    2. Micki vor 3 Wochen
      Eigentlich fragt auch gar keiner, wo der Freelancer denn seinen Job macht. Ich habe schon öfter "unter Palmen" getextet, während meine Kunden mich wohl an meinem Schreibtisch in Hamburg vermuteten. Man kann auch (Teilzeit-)Nomade im Stillen sein.

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