Das Design Tagebuch kommentiert visuelle Gegenwartskultur

    Interviews erstellt von Designerdock Redaktion und Birgit Bischoff, Inhaberin DESIGNERDOCK Düsseldorf

    @ pic by Achim Schaffrinna

    Visuelle Kommunikation bestimmt unseren Alltag: beinahe alles, was wir sehen ist designed. Da kann man schnell den Überblick verlieren. Nicht Achim Schaffrinna – seit 2006 führt er jetzt schon Design Tagebuch. Er kommentiert, ordnet ein und geht in die Debatte. Wer wissen will, was im deutschsprachigen Raum im Design passiert, der darf Schaffrinna ins Tagebuch schauen. Birgit Bischoff, Inhaberin Designerdock Düsseldorf und die Designerdock-Redaktion haben für uns reingeschaut.

    Ein erfolgreicher Blog im Jahr 2019?

    Als Schaffrinna 2006 mit dem bloggen begann, hatte er schon über 10 Jahre Berufserfahrung. Die Blogosphäre war an ihrem Höhepunkt angekommen. Selbstveröffentlichte Beiträge bestimmten die Debattenkultur im Internet. Durch Linklisten, damals noch Blogrolls, die Blogs mit anderen Blogs verknüpften, konnte man sich durch die Themenwelten hangeln. Vor den Newsfeeds waren die Nutzer selbst gefordert. Und wer einmal eine Quelle für interessantes Lesefutter gefunden hatte, der setzte gleich ein Bookmark und kam wieder. 

    Schaffrinna schafft es, mit seinen Kommentaren über visuelle Kommunikation und Design nicht nur Fachpublikum anzusprechen. Er schlägt zugleich die Brücke zum Gesellschaftlichen. Seine Einordnung hebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und, das betont er, kann immer nur eine Meinung sein. Aber eine Meinung, die 2009 den Grimme Online Award erhielt. In der Begründung der Jury heißt es „Das Fachblog bietet (…) mehr als spezifische Fachinformationen und verdient eine noch größere Aufmerksamkeit, vor allem außerhalb der Design-Community.“

    In den Jahren seit der Preisverleihung ist das Schaffrinna gelungen, keine Frage. Die Besucherzahlen sind stabil: mit mehr als 80.000 Besuchern im Monat. Während die Blogosphäre mittlerweile Internetgeschichte ist, schafft er es, eine Nische zu besetzen. Seine Persönlichkeit und seine Schreibe werden dabei eine große Rolle spielen, aber mehr noch ist es seine unerschöpfliche Neugierde. Er merkt an: „Wenn es keinen Spaß mehr machen würde, gäbe es das Blog nicht mehr.“ 

    Ein Insider mit Vogelperspektive

    Auf die Frage nach seinen Quellen antwortet er bescheiden. Den Anspruch, immer der erste zu sein, habe er aufgegeben. Der News-Wert seiner Beiträge stehe nicht mehr im Vordergrund, das könne man auch von anderen Quellen bekommen. Stattdessen nimmt er sich lieber Zeit für die Auswertung von Designs, Logos und Konzepten. Dabei deckt er eine große Bandbreite ab: Von großen Logo-Launches bis hin zur neuen Bildsprache vollkommen unbekannter Marken, bespricht Schaffrinna alles, was sein Interesse entzündet. Die Informationen bezieht er aus dem Internet, Pressemitteilungen und zum Teil von Agenturen. Ungern ließe er sich beeinflussen, sagt er. Dabei schwingt der Stolz der Blogosphäre mit: unabhängige Berichterstattung zu selbst gewählten Themen. Die vielen Jahre in der deutschen Kreativbranche tun ihr übriges. 

    Dabei lässt sich auch als Design-Laie viel aus den Artikeln ziehen. Detailliert beschreibt er die neue Designs, schafft es dabei aber zugleich einen Spannungsbogen aufzubauen. Auf fast jede der Analysen folgt dann der Kommentar, und hier schlägt Schaffrinna einen anderen Ton an. Er tobt sich aus, ordnet ein und bewertet. Wenn etwas schief gelaufen ist, buchstabiert er es aus und erklärt, warum und wie.

    Doch ohne die Community wäre der Blog nur halb so spannend: Die Kommentator*innen bringen Bewegung in die Debatte, die Schaffrinna in seinen Beiträgen anstößt. Fachkundige Hinweise, neue Impulse und andere Perspektiven sammeln sich in der Kommentarspalte. Schaffrinna selbst geht mit in die Debatte und hilft so die Debattenkultur am Leben zu erhalten. Auch hier scheint die Aura der Blogosphäre noch durch. Schließlich waren es die Kommentarsektionen der Blogs, die große Nachrichtenhäuser dazu bewegten, ihre Artikel kommentierbar zu machen. 

    Designkritik als Pulsmesser der Zeit

    Unverkennbar hat das Design Tagebuch eine spezielle Handschrift und wäre ohne Achim Schaffrinna gar nicht denkbar. Als Tagebuch bleibt es im persönlichen, doch die gesellschaftliche Dimension macht es so anschlussfähig. Was heißt es, wenn eine große Marke wie Volkswagen ihr Logo ändert? Mit den Skandalen der letzten Jahre im Hinterkopf, leitet Schaffrinna seinen Kommentar so ein: „Marken- und Unternehmenslogos sind immer auch Spiegel der Gesellschaft.“ Und später heißt es: „Oft bilden Logos nicht ab was ist, sondern was sein soll. (…) In den nächsten Jahren wird sich zeigen, ob Volkswagen tatsächlich das klar strukturierte, flexible, dynamische und transparente Unternehmen ist, wie es über die neue Formensprache vermittelt wird.“ Das hat gesessen. 

    Liest man durch die Texte, sieht man wie viel Politik und Gesellschaft in den Logos steckt. Es lassen sich Trends und Tendenzen in Branchen ablesen, für die die Kreativbranche der Dienstleister ist. Als Meta-Branche bestimmt sie die Wahrnehmung ihrer Kunden – und die wiederum wollen die Wahrnehmung der Zielgruppen lenken. Schaffrinna liegt so viel an der Einordnung der Designs, weil er sie wie ein offenes Buch lesen kann. Sie sind ein Versprechen, das, wie im Fall Volkswagen, auch die allgemeine Wahrnehmung und die Realität der Geschäftspraxis konterkariert. Können Unternehmen halten was sie versprechen? Diese Frage beantwortet Schaffrinna mit seinen intelligenten Kommentaren. Niemals dozierend, immer persönlich. Ein Blog, das man sich gleich bookmarken sollte. Nicht nur als Arter*in.

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