„Der kreative Output ist sehr hoch“ – Patrik Sünwoldt über die Kreativwirtschaft in Österreich

Interviews erstellt von Elisabeth Wirth, Freie Autorin, Kommunikationsstrategin und Dozentin

© pic by DESIGNERDOCK/ Patrik Sünwoldt

Patrik Sünwoldt kennt Designerdock von allen Seiten: Er war Kandidat und wurde zu Ogilvy Wien und später von Birgit Bischoff (Designerdock Düsseldorf) als Freelancer nach Namibia zu Y&R vermittelt. Als CD von Serviceplan Austria wechselte er auf die DD-Kundenseite. Vom fairen Designerdock-Konzept begeistert, wurde er später Teil des Teams. Inzwischen ist er Geschäftsführer und Inhaber von Designerdock Austria. Wie die Österreichische Agenturszene tickt, wie kreative Talente an der Donau arbeiten und warum Kampagnen hier schneller auf die Straße kommen, verrät Patrik Sünwoldt im Dockblog Interview. 

Wo sind die kreativeren Köpfe zu Hause? In Wien oder Berlin?

Patrik Sünwoldt: (lacht) Das ist sehr schwer zu vergleichen, zumal ich auch die Berliner Kreativszene nicht gut genug kenne. Was ich aber sagen kann: In Österreich ist insgesamt das Designniveau sehr hoch, auch und vor allem von Berufseinsteiger*innen. Das liegt vor allem an den sehr guten Ausbildungsmöglichkeiten in Österreich. Und dafür, dass in Österreich die Budgets im Schnitt deutlich niedriger sind, ist der kreative Output sehr hoch und spannend. Als ich 2008 nach Österreich kam, gab es in der Werbung noch mehr "wirede" Sachen zu sehen, abgedrehtes Zeug, teilweise sehr künstlerisch. Das ist leider ein bisschen verloren gegangen, man sieht inzwischen sehr viele „save“-Lösungen. Aber ich denke dass sich das durch die „neue Zeit“ nach der Pandemie wieder ändern wird. Da wird generell mehr Kreativität nötig sein, um mit den neuen Herausforderungen umzugehen. Und das wird sich auch in den Arbeiten widerspiegeln. 

Was macht die österreichische Kreativwirtschaft und Agenturszene besonders?

Patrik Sünwoldt: In Österreich ist einfach alles zehnmal kleiner als in Deutschland. Agenturen mit 25 Leuten zählen hier schon zu den größeren. Weil auch auf Kundenseite alles eine Nummer kleiner ist und es nicht so viele interne Wege gibt, ist es aber einfacher, Projekte und Kampagnen zum Leben zu erwecken. In Deutschland sind viele Kunden große Dampfer mit vielen Hierarchiestufen. Bis man etwas umsetzen kann, vergeht viel Zeit, und manchmal ist von der ursprünglichen Idee am Ende nicht mehr viel übrig. Man produziert viel für die Tonne. Das tut man ja generell in der Branche, aber in Österreich vielleicht ein bisschen weniger. Hier sitzt man schneller mit der Geschäftsführung am Tisch und so kommen die Kampagnen schneller auf die Straße.

Das klingt nach mutigen Kunden.

Patrik Sünwoldt: Die Kunden in Österreich trauen auch kleinen Agenturen viel zu. Zudem gibt es viele junge Kreative, die Agenturen gründen. Den B2C-Etat hat die Österreichische Post Anfang des Jahres beispielsweise an eine Art "Bietergemeinschaft" vergeben, fünf Spezialagenturen, die sich für die Ausschreibung zusammengeschlossen haben. Gustav Mahler hat zwar gesagt: „Wenn die Welt einmal untergehen sollte, ziehe ich nach Wien, denn dort passiert alles fünfzig Jahre später.", aber ich denke, dass man generelle Entwicklungen am Markt hier schneller sieht. Ich glaube, dass sich der Trend zum Projektgeschäft weiter verstärken wird, und dass sich in Zukunft mehrere Agenturen einen Etat flexibel teilen werden. Das entspricht auch dem, was in Zukunft meiner Meinung nach nötig sein wird: Flexibilität, Offenheit, Achtsamkeit, Kooperation.

Wie wirkt sich das zehnmal kleiner auf die Arbeitsweisen und die Kreativen aus?

Patrik Sünwoldt: Durch die Budgetlimitierungen müssen Agenturen bei den Produktionen oft besonders kreativ und flexibel arbeiten. Dennoch liefern österreichische Agenturen und die lokalen Produktionspartner immer wieder internationales Toplevel ab. Auch in Cannes wird immer wieder gepunktet. Viele Kampagnen sind von großen, internationalen Produktionen nicht zu unterscheiden. Die Arbeiten von JvM/Donau für die Erste Bank zum Beispiel. Oder einfach mal auf die Seite des CCA (vergleichbar mit dem ADC in Deutschland) schauen und sich selbst überzeugen.

Der Markt in Österreich ist eher auf Generalisten ausgerichtet. Auch das ist den budgetären Limitierungen zuzurechnen. Im internationalen Vergleich, zum Beispiel zu England, wo es oft mehrere Spezialisten innerhalb einer Agentur für die spezifischen Fachbereiche gibt, sind die Kreativen und Berater*innen in Österreich vom Skillset eher breit aufgestellt.

Wie geht Recruiting auf österreichisch und welche Jobprofile sind besonders gefragt? 

Patrik Sünwoldt: Meine Erfahrung ist, dass viel über persönliche Kontakte läuft. Gut vernetzt zu sein ist wichtig, und persönliche Empfehlungen sind sehr viel wert. Das ist in Deutschland nicht anders, hier aber sicher noch ein bisschen mehr.

Extrem gesucht werden Kreative mit digitalen Profilen. Österreich hat eine tolle und wachsende Startup-Szene, und digitale Talente haben gute bis sehr gute Chancen. Internationale Player wie zum Beispiel Runtastic, Refurbed, Bitpanda und MySugr haben ihren Ursprung hier in Österreich. Jedoch sind meiner Meinung nach noch zu viele Absolvent*innen zu stark auf Print/Editorial und Illustration ausgerichtet. Die kommen mit tollen Mappen, aber ihre Arbeiten gehen am Markt vorbei. Auch über den Designbereich hinaus, also Beratungs- und Strategie-seitig, ist der Bedarf an digitaler Expertise groß.

Wie arbeitet das Designerdock-Team Austria?

Patrik Sünwoldt: Im Grunde funktioniert Designerdock Österreich genau wie die anderen Standorte. Nur ist die Marke in Deutschland durch ihre Geschichte stärker verwurzelt, es gibt die Marke dort einfach schon länger. In Österreich werden wir immer noch häufig als „Deutsches“ Netzwerk wahrgenommen. Viele denken: Ah, wenn ich in Deutschland einen Job suche, dann gehe ich zu Designerdock. Aber wir sind ein lokales Angebot und decken ganz Österreich ab. Auch dass wir nicht nur Designer*innen vermitteln, sondern alle Profile aus dem gesamten Kommunikationsbereich, müssen wir oft immer noch erklären. Aber wir sind dran.

Unter anderem sind wir darum viel an Fachhochschulen und Unis präsent. Ich biete bei Veranstaltungen Mappenchecks an oder halte Vorträge zu dem Thema. Daraus hat sich eine schöne Geschichte ergeben: Aktuell betreue ich den Master-Studiengang Grafik Design der FH St. Pölten im Bereich Coaching/Case Studies und Portfolioaufbau. Die Arbeit mit den Studierenden macht großen Spaß, und unsere Bekanntheit wächst. Win - Win! 

Seid ihr auch für Kreative aus Deutschland, die in Österreich arbeiten wollen, eine Anlaufstelle, um die Fühler auszustrecken?

Patrik Sünwoldt: Auf jeden Fall. Sowohl für junge Berufseinsteiger*innen als auch für Professionals. Dass die Dinge in Österreich oft ein bisschen anders funktionieren, unterschätzen viele Deutsche die hier her kommen noch häufig. Das ist ein anderes Land, mit anderer Mentalität und Geschichte. Ich selbst komme ursprünglich aus München, hab mich aber von dieser tollen Stadt „einfangen“ lassen. Nicht umsonst ist Wien seit Jahren auf den vorderen Plätzen, wenn es um die lebenswertesten Städte der Welt geht!

Vierzehn Monate Pandemie. Wie sind die Agenturen und kreativen Unternehmen in Österreich mit den veränderten Bedingungen umgangen und wie schauen sie auf die Zeit nach Corona?

Patrik Sünwoldt: Noch fahren alle „auf Sicht“. Die Pandemie hat auch hier viele Agenturen getroffen, vor allem diejenigen die viel für Branchen wie Tourismus oder Kultur arbeiten. Wir merken, dass die Wechselbereitschaft auch ein Jahr nach Beginn der Pandemie immer noch niedrig ist. Viele Kandidat*innen sind sehr vorsichtig. Wenn es darum geht, den Job zu wechseln, dann hängt „first in - first out“ wie ein Damoklesschwert über allem. 

Vor Corona hatten wir im Schnitt immer 120 Jobs offen, mit Beginn der Pandemie waren es plötzlich nur noch sehr wenige. Jetzt sind wir wieder deutlich auf dem Weg zu unserem ursprünglichen Volumen und freuen uns über viele neue Jobs, für die wir Kandidat*innen aus allen Bereichen der Kommunikationsbranche suchen.

Noch greifen in vielen Agenturen die Kurzarbeit beziehungsweise die Förderungen der Regierung. Die wirklichen Auswirkungen der Pandemie, und zwar in allen denkbaren Bereichen, kommen meiner Meinung nach erst noch auf uns zu. Es bleibt auf jeden Fall extrem spannend.

Ihr findet auch, dass Österreich ein Lebens- und liebenswertes Land ist und sucht einen tollen Job? Dann bewerbt euch bei Patrik und seinem Team initiativ oder auf eine der ausgeschriebenen Positionen.

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