„Die beste Idee zählt“. Ein Interview mit Richard Jung, Vorsitzender der ADC-Jury Integrated/Innovation

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    Die Vergabe der heiß begehrten Nägel steht bevor. Während des ADC Festivals im Mai treffen die Jurys der ADC Awards aufeinander und entscheiden, welche Arbeiten aus dem letzten Jahr besonders herausstechen. Richard Jung, Diplom-Designer, Werbeprofi, Professor an der Hochschule Niederrhein und Vorsitzender der Jury Integrated/Innovation hat den DOCKBLOG im Gespräch hinter die Kulissen des ADC Awards blicken lassen.

    Was macht den ADC Award besonders?

    Richard Jung: Einzigartig ist, dass der ADC Award alle wesentlichen Disziplinen der Kommunikationsbranche abdeckt. Vom Handwerk bis zur gesamten Kampagne, von Editorial über Kommunikation im Raum bis hin zu allen neuen digitalen Disziplinen. Weil immer neue Fachrichtungen hinzukommen und alte kaum verschwinden, müssen wir beim ADC immer wieder die Kategorien überdenken. An der Vielzahl der Kategorien kann man auch sehen, was für ein gigantisches Arbeitsfeld die Kommunikationsbranche ist. Obwohl Kommunikation uns alltäglich umgibt, ist im öffentlichen Bewusstsein längst nicht angekommen, wie viele Berufe inzwischen existieren und wie viel Arbeit dahintersteckt. Dieses Bewusstsein herzustellen, ist eine Aufgabe des ADC.

    405 Jurymitglieder verteilt auf 27 Jurys sichten und diskutieren am 21. und 22. Mai in Hamburg die eingereichten Arbeiten. Wie laufen diese Tage ab?

    Richard Jung: Die Jurys tagen inzwischen im Volksparkstadion, hier haben wir in den Lounges genug Platz. Der erste Tag beginnt mit der Juryvorsitzendenrunde, in der der Chairman - in diesem Jahr Mirko Borsche - wichtige Infos bekannt gibt. Diese werden danach von den Vorsitzenden in die Jurys getragen und dann beginnt die Erstellung der Shortlist. Am ersten Tag bewertet jedes Jurymitglied für sich, welche Arbeiten auf die Shortlist gehören und welche nicht. Wenn die Shortlist steht, besprechen sich die Jurys noch einmal. Sind alle relevanten Arbeiten dabei oder gehört eine Arbeit doch nicht auf die Shortlist?

    Der zweite Tag ist ganz anders. Nun bewerten alle Jurymitglieder gemeinsam, welche Arbeiten aus der Shortlist besonders herausstechen. Ziel ist es, außergewöhnliche Kreativität zu prämieren. Die beste Idee zählt. Ich frage mich immer: Ist die Arbeit überraschend und finde ich sie überzeugend? Zuerst entscheiden die Jurys, welche Arbeiten von der Shortlist Bronze verdient haben, dann welche Bronzearbeiten Silber und welche Silberarbeiten Gold. Sobald eine Arbeit besprochen wird, an der eines der Jurymitglieder beteiligt war, muss das Mitglied den Raum verlassen. Auch die Jurygröße verhindert Absprachen. Man kann sich den Award nicht zuschustern. Teilweise wird hier sehr leidenschaftlich diskutiert und es ist interessant zu sehen, welche unterschiedlichen Blicke es gibt und wie viel Tiefe in einer Arbeit stecken kann. Da merkt man, dass Profis am Werk sind. Wenn es eine Mehrheit gibt, ist die Entscheidung für oder gegen eine Arbeit gefällt. Aus allen Goldarbeiten wählen am nächsten Tag alle Juryvorsitzenden und der Chairman die Grand-Prix-Gewinner aus. Bei der großen ADC Award Show werden dann die Nägel verliehen. Die Juryarbeit macht große Freude, man lernt für den Arbeitshorizont immer etwas dazu.

    Und wie läuft der Junior Wettbewerb ab?

    Richard Jung: Die Nachwuchsarbeiten werden von denselben Jurys im Anschluss an die Profiarbeiten mit derselben Ernsthaftigkeit besprochen und bewertet. Unter den Nachwuchsarbeiten sind teilweise extrem schöne Arbeiten zu sehen, sie sind oft mutiger und unbedarfter. Und auch unter den goldenen Nachwuchsarbeiten werden Grands Prix vergeben. Die Wahl treffen die Juniorpaten, die in den entsprechenden Jurys einen Platz haben, gemeinsam mit der Chairwoman.

    Welche Relevanz hat der ADC Award für junge Talente?

    Richard Jung: Früher war der ADC als reiner Werberclub verschrien. Aber die Werbung ist anders geworden, sozialpolitische Aspekte, Umweltthemen spielen zum Beispiel eine stärkere Rolle als früher. Zudem hat sich der ADC geöffnet, inzwischen sind rund 180 ADC-Mitglieder Teil des Fachbereichs Forschung und Lehre. Die Relevanz steigt. Für die jungen Kreativen ist die Teilnahme am ADC Award eine Chance, über ihr Uniumfeld hinaus Feedback zu ihrer Arbeit von 15 Profis aus der Praxis zu bekommen. Ein ADC Award im Portfolio ist etwas wert, das hilft auch beim Berufseinstieg. Zudem hat man Zutritt zur Award Show, kann die Branche besser kennen lernen, Kontakte knüpfen, die Profis sind hier zugänglich. Es lohnt sich, mitzumachen.

    Wie steht es um die Qualität der Arbeiten insgesamt? Welchen Einfluss hat die Digitalisierung?

    Richard Jung: Es gibt gute und schlechte Jahrgänge, allgemein ist die Qualität aber in den letzten Jahren nach oben gegangen. Durch die Digitalisierung kann man sich viel stärker ausprobieren. Die Arbeit wird experimenteller. Früher war es sehr teuer, einen Werbefilm zu machen, und dann waren da lauter Leute mit Herrschaftswissen dran beteiligt. Die handwerklichen Möglichkeiten sind viel größer geworden. Heute kann man eine gute Idee auch mit wenig Budget umsetzen und über Youtube und Social Media verbreiten und testen.

    Außerdem bietet das Internet viel mehr Input. Das sorgt für eine enorme Entwicklung. Es sind schon geniale Zeiten für Kreative.

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