Hochsensible im Beruf: Feinfühliges Potenzial entfalten

    Arbeitswelt erstellt von Linda Graze, Geschäftsführerin DESIGNERDOCK Stuttgart

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    Mal Hand aufs Herz: Wer arbeitet schon wirklich gerne im Großraumbüro? Tastaturen klimpern, Mäuse klicken, Telefonate werden geführt. Wer hochsensibel ist, leidet unter solchen Arbeitsbedingungen besonders stark. Dabei sind Hochsensible zugleich auch ein wichtiges Asset für ihre Arbeitsumgebung. Kreativ, involviert und passioniert gehen sie an ihre Arbeit.  

    Hochsensibel wird man geboren 

    Die Wissenschaft geht davon aus, dass bis zu 20% der Menschen hochsensibel sind. Unter dem Begriff HSP (Hochsensible Person) versammeln sich immer mehr Menschen und Forschungsergebnisse. Die Zeichen kann jeder in einem Selbsttest bei sich feststellen. Das Nervensystem reagiert intensiver auf Reize, die Wahrnehmung ist ständig geschärft. Wer so geboren ist, nimmt das als gegeben hin. Irgendwann setzt die Überforderung ein: Kopfschmerzen, Dissoziation, Abgeschlagenheit. Wer sich nicht aus einer reizstarken Umgebung in eine reizarme bringen kann, reagiert mit Anspannung. Auf Dauer ist ein so gestresstes Nervensystem eine Belastung, kann krank machen und der psychischen Gesundheit schaden. Ein Burn-Out scheint vorprogrammiert. 

    Auf der anderen Seite sind hochsensible Menschen dank ihrer intensiven Wahrnehmung ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft. Auch Tiere haben hochsensible Individuen, in gleichem statistischen Maße wie Menschen. Die Evolutionsbiologie geht davon aus, dass hochsensible Mitglieder einer Gruppe also einen Vorteil bieten, sonst gäbe es sie schlichtweg nicht. In unserer hektischen und schnellen Arbeitswelt, kann dieser Vorteil einem nur einleuchten. Die Feinfühligen unter uns, machen uns klar: innehalten tut nicht weh. Im Gegenteil: Es öffnet uns für andere Perspektiven. 

    Hochsensible am Arbeitsplatz: Reizüberflutung vorbeugen

    Wer selbst hochsensibel ist, sollte sich eine Arbeitsumgebung schaffen, die der eigenen Konstitution entspricht. Konzentrationsaufgaben in einer reizarmen Umgebung werden leichter fallen. Großraumbüros halten Menschen mit feinen Antennen dagegen oft nicht lange aus. Abhilfe schaffen kleine Pausen – ohne, dass man gleich Raucher werden muss. Einen Tee machen und durchatmen, schon kann es wieder an die Arbeit gehen. Diese Ruhepausen halten den Geist fit und helfen dabei, sich zu sammeln. Niemand kann sich acht Stunden am Stück produktiv konzentrieren. 

    Nach der Arbeit ist das Nervensystem oft noch agitiert und aufgeregt. Hier helfen Yoga, Achtsamkeitsübungen und Meditation als Ausgleich, um in eine entspannte Haltung zu finden. Auch einen Teil des Heimwegs einfach zu Fuß zu gehen und abzuschalten, kann hier helfen. Eigene Rituale schaffen den Raum, sich zu beruhigen. Zudem reagiert der Geist auf ritualisierte Abläufe, der Körper kommt so schneller runter. 

    Doch hochsensibel zu sein muss keine Einschränkung bedeuten: die eigene Feinfühligkeit zu akzeptieren bedeutet auch, ihr Potenzial zu erkennen. In der erhöhten Sensibilität steckt eine große kreative Kraft, die eingesetzt werden will. Wer bildlich gesprochen jeden Tag so viele Daten verarbeitet, kann auch auf ein großes Reservoir an Ideen zurückgreifen. Das macht HSP für Arbeitgeber*innen zu einer wertvollen Ressource. 

    Hochsensible als Arbeitnehmer*innen: Feinfühlige Talente fördern

    Home Office gehört nicht in den Arbeitsalltag? Das klingt nicht nur gestrig, es kann für HSP eine große Herausforderung darstellen. Oft gelingt ihnen die Arbeit in einer ruhigen Umgebung besser und Ruhephasen erweisen sich als essential für ihre Leistung. In einer offenen, harmonischen Unternehmenskultur kann das aber angesprochen werden. Neben einem passenden Arbeitsumfeld, haben HSP auch einen hohen Anspruch an die Qualität ihrer Arbeit. Viele sind sozial engagiert (ein Nebeneffekt der oft sehr hoch ausgeprägten Empathiefähigkeit). Als Teammitglied spüren sie Spannungen auf, die anderen vielleicht verborgen bleiben. Diese Menschenkenntnis können sie gezielt einsetzen, um Konflikte zu entschärfen. 

    Damit HSP ihre Talente voll entfalten können, brauchen sie den richtigen Rahmen. Dazu gehören nicht nur Arbeitsbedingungen, die einem sensiblen Nervensystem gut tun (Ruhe, Tageslicht und Rückzugsmöglichkeiten). Freiheiten in der Arbeitsweise und flache Hierarchien tragen ebenfalls dazu bei, dass HSP sich besser in ihrer Arbeit ausdrücken können. Zudem gehört eine offene und freundliche Feedbackkultur unbedingt dazu. Ein wertschätzender und mitfühlender Umgang schafft Raum für die Feinfühligkeit. 

    Zudem können Arbeitgeber*innen durch einen proaktiven Umgang mit dem Thema langfristig Mitarbeiter*innen besser halten. Wenn HSP sich wegen vermeidbarer Überforderung von einem Job verabschieden, ist das schade. Wer dagegen die richtigen Bedingungen für Hochsensible schafft, der gibt vielleicht auch Normalsensiblen eine bessere Arbeitsumgebung. Wem tun schon Druck, Stress und ein hoher Geräuschpegel gut?

    Kommentare (2)

    1. Birgit Schultz vor 2 Wochen
      Danke für den Artikel. Ich würde gerne noch ergänzen... Die Arbeitsbedingungen, wie Geräusche, Pausen etc. sind sehr wichtig als Rahmen - aber noch wichtiger für Hochsensible ist m.E. einen echten Sinn in seiner Aufgabe und seinem Tun zu erkennen... und bei der Arbeit die eigenen Werte nicht nur zu wahren - sondern auch mit anderen teilen zu können. Wenn wir ein Ziel haben, für das es uns zu kämpfen lohnt, gemeinsam mit Menschen, die eine ähnliche Motivation haben und die wertschätzendend miteinander umgehen, dann geht das - zeitweise - auch im Großraumbüro und ohne Pause...
    2. Sebastian Scheele vor 2 Wochen
      Vielen Dank, daß ihr diese Begabung thematisiert habt. Sprüche wie "Reiß Dich mal zusammen" oder "Du musst tougher werden" sind das Schlimmste, was ein/e Hochsensible/r hören möchte. Und von solch arroganten Steinzeitmenschen gibt es leider noch viel zu viele.

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