Stuttgart goes Humanity Design. Was lohnt sich auf der ADC Design Experience?

    erstellt von Heinrich Paravicini, Co-Founder von Mutabor und Vorstand Design im ADC (Gastbeitrag)

    © pic by ADC / Heinrich Paravicini

    Am 13. und 14. September geht es wieder los. Im Weissen Saal des Schlosses findet zum vierten Mal der Kongress »Design Experience« des Art Directors Club statt. Humanity Design lautet das Motto. Aber was verbirgt sich dahinter und welche Vorträge lohnen sich? Heinrich Paravicini, Co-Founder von Mutabor und Vorstand Design im ADC, mit Faves und Insights.

    Überall geht es um Design: Familienväter unterhalten sich auf Gartenparties über das Design ihres Gas-Grills (der hat auch einen Red Dot), Mittelständische Unternehmen reden über Design-Thinking Seminare und Fashion-Designer sind spätestens seit „Germanys Next Top Model“ jeder 12-Jährigen ein Begriff. Nur wenn es um die neuen Themen der Digitalisierung geht – wie Bots, Blockchain, User Experience oder AI, wird auffällig wenig über Design gesprochen. Kein Wunder, wenn die meisten neuen Erscheinungsbilder aussehen wie ein bereits vorhandenes Wordpress-Theme und gelernte Interaktionsmuster in der Click-Analyse offenbar jeden neuen Gestaltungs-Ansatz zunichte machen. 

    Es ist wohl an der Zeit, dass sich Designer Gedanken machen, was ihr Beitrag in Zukunft sein wird. Es können ja nicht alle Interface-Designer werden und mit Google Materials die immer gleichen Webseiten bauen.

    Genau darum geht es: Um unsere Rolle. Was tun wir eigentlich noch, wenn intelligente Systeme automatisiert arbeiten und mit optimierten Gestaltungs-Templates operieren. Machen wir da mit? Entwickeln wir das weiter? Erfinden wir etwas Neues, Besseres? Oder beschäftigen wir uns mit ganz anderen Dingen?

    Die Frage ist natürlich etwas ketzerisch gestellt. Es gibt sehr viel zu tun. Wenn wir uns als Designer die Fragen stellen, die wir uns immer gestellt haben (sollten): Was braucht der Mensch? Wie kann ich sein Leben nicht nur erleichtern (da wären wir wieder bei Convenience), sondern wirklich verbessern? 

    Ich bin überzeugt: Wenn wir als Designer nicht nur in der Dimension des einzelnen Nutzers unserer Design-Lösung denken (user-centric), sondern in einem größeren, menschlichen Zusammenhang, werden wir eine große Zukunft vor uns haben. Der Innovationsforscher Karel Golta sprach auf der Design Experience vor einem Jahr vom Begriff »Humanity Design«. Das hat mich so fasziniert, dass für mich sehr schnell klar war: da geht es weiter. Das müssen wir uns näher anschauen.

    In Stuttgart gibt es dieses Jahr dazu tolle Vorträge, die viele Perspektiven aufzeigen, wie sich Design in Zukunft anfühlen kann oder welche Aufgaben auf uns zukommen. Das Spektrum reicht von der Weiterentwicklung der Systeme als Partner der Automatisierung bis hin zur Abkehr und der Beschäftigung mit Design-Gegenentwürfen, die aber die Relevanz des Designs für den Menschen ebenfalls neu definieren.

    Ein Paradebeispiel für neue Relevanz und eine echte humanitäre Dimension im Design stellt das Projekt »adidas X Parley for the Oceans« dar. Matthias Amm von adidas hat mit seinem CEO das Projekt bei der UN vorgestellt und tut dies nun in Stuttgart. Er wird zeigen, was es heißt, nicht nur ein Zeichen gegen Plastikmüll im Meer mit einem recycelten Schuh zu setzen, sondern mit einer echten Designlösung die gesamte Lieferkette des Sportartiklers in Zukunft zu revolutionieren. 

    Ein anderes Highlight ist bestimmt der Vortrag von Leica über die Neuentdeckung der Langsamkeit. In einer Zeit wo Smartphones nahezu perfekte Bilder können, beschäftigt sich der Principal Designer von Leica Camera, Christoph Gredler mit der Aufmerksamkeit des Fotografen und gestaltet Produkte wie die neue Leica M-D ohne Menü und ohne Display. Er wird uns verraten, wie die Philosophie der Marke in der Zukunft aussehen wird und warum das Analoge so einen großen Reiz auf Menschen ausübt. Ich besitze selber eine Leica Sofort Kamera, die mich jedes Mal wahnsinnig diszipliniert, wenn ich ein Bild mit ihr aufnehme. Speichern kann ich es nämlich nicht.

    Worauf ich auch gespannt bin ist der Vortrag von Mark Gmehling, der als ehemaliger Graffiti-Artist heute krasse animierte 3D Character baut – das wird sicher viel Spaß machen.

    Natürlich gibt es auch einige Vorträge, die absolut in die digitale Zukunft der Designbranche schauen: Philipp Thesen hat als Designchef der Deutschen Telekom international Furore im Design von digitalen Services und Produkten gemacht und erzählt uns, welche Rolle Design im Umfeld von automatisierten Systemen einnehmen muss. Und sein neues Buch hat der Professor für Mensch-System-Interaktion an der Hochschule Darmstadt auch im Gepäck. Florian Röhrbein ist dabei, Leiter der Robotik-Entwicklung bei Kärcher. Er hat bei der TU München jahrelang auf dem Gebiet der Robotik geforscht - Alex Jacobi entwickelt als Sound-Designer KI-Systeme, die mit Klängen Menschen berühren.. und einige mehr. 

    Wer auf digitalen Input hofft, wird sicher nicht enttäuscht werden.

    Was mich als Bildungsbürger-Kind natürlich auch fasziniert, ist das neu wiedereröffnete Thomas-Mann-Haus in Los Angeles. Die Architektin Ursula Seeba-Hannan von LenzWerk wird sicherlich nicht über Künstliche Intelligenz reden, sondern darüber, wie man eine Ikone gestalterisch behutsam behandelt. Auch das ist Design im Jahr 2018.

    Soweit zu meinen persönlichen Highlights. Aber das sind bei Weitem nicht alle Vorträge und Themen: wer mehr wissen will, kann auf www.adc.de das ganze Programm nachschauen.

    Mein Fazit: Wer seinen Horizont erweitern will und Inspiration für seine Design-Zukunft sucht, der kann sicher Einiges von der ADC Design Experience mitnehmen.

    Am Freitag den 14. September wird außerdem ein Seminar zum Thema Creative Environments angeboten, da geht es um die Räume, in denen wir in Zukunft leben und arbeiten werden. Work-Life-Balance zum Ausprobieren sozusagen. Vitra und Dan Pearlman sind unter anderem dabei. Da lohnt es sich vielleicht, auch noch den Tag dranzuhängen.

    Ich werde die ganze Zeit vor Ort sein und moderieren. Ich freue mich drauf. Die letzten Jahre hat es allen viel Spaß und Inspiration gebracht. 

    Anmerkung der Redaktion: Auch DESIGNERDOCK besetzt einen Stand vor Ort in Stuttgart auf dem ADCDX und freut sich auf die persönliche Interaktion mit euch. Bis dahin...see you in Stuggi!

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